alpha-retro: Elsie - ein Schulweg in der Großstadt (1966) | Video der Sendung vom 08.04.2022 21:15 Uhr (8.4.2022) mit Untertitel
Elsie - ein Schulweg in der Großstadt (1966)
Wenn „Lis Klatt“ als Filmemacherin angegeben ist, darf man sich auf etwas ganz Besonderes freuen! So auch diesmal: ein wunderbares Stück Poesie in Bildern, gesprochen wird kaum und nichts kommentiert! Es zeigt das kleine Mädchen Elsie auf dem Weg in die Schule durch München in der Mitte der Sechzigerjahre. So entsteht aus ihrer Perspektive ein zauberhaftes Porträt der Stadt und ihrer Bewohner. Sie lauscht am Fenster dem Streit eines Ehepaars und beobachtet auf dem Heimweg weitere Überraschungen. Ein ganz besonderes Highlight ist dabei die Zwiesprache ohne Worte mit einer Marionette und einem Puppenspieler, der für sie die Marionette zum Leben erweckt. Auch manche Szenen, vor denen man Kinder heute lieber fernhalten würde, kommen vor: ein Feuerwehreinsatz nach einem Lastwagenunfall oder zwei Prostituierte in einem Hausgang auf Freier wartend. Gerade diese Szene ist deshalb so großartig, weil nur die Beine der Frauen zu sehen sind und eigentlich nur Erwachsene diese Szene wirklich deuten können. Viele Jüngere werden sich fragen, warum Elsie permanent ein kleiner Lappen an einer Schnur aus dem Schulranzen hängt. Nun, das ist der Lappen, den man brauchte, um die Schiefertafel abzuwischen, die sich in ihrem Ranzen befand. Und dieser Lappen ist in der Regel nass, weswegen er innerhalb des Ranzens nichts zu suchen hat. Damals lernte man noch Lesen und Schreiben mit Griffel und Tafel. Es gab also nicht nur eine große Tafel vorne im Klassenzimmer, sondern jede Schülerin und jeder Schüler hatte eine eigene kleine Tafel, auf der mit meist fürchterlich kratzenden Griffeln geschrieben werden musste. Dieser großartige Kurzfilm könnte auch von einem berühmten französischen Regisseur stammen, aufgenommen im Paris der frühen Sechzigerjahre - und wer es weiß, klar, "Elsie" ist eine Hommage an "Zazie" von Louis Malle aus dem Jahr 1960
Bild: BR